Sonntag, 12. Juli 2026 – Rotwand (2806 m)
Der erste Tourentag begann unter einem strahlend klaren Himmel. Unser Ziel war die Rotwand. Schon nach den ersten Metern spürte man die besondere Energie dieses Berges: Die Rotwand mit ihren 2806 Hm erhebt sich stolz in der Rosengartengruppe, ihre markante, steile Südwestwand leuchtet im Morgenlicht in warmen, rötlichen Tönen – jener Farbe, der die gesamte Gruppe ihren Namen verdankt. Seit jeher gilt sie als einer der bedeutenden Kletterberge der Dolomiten, und heute sollten wir sie über den Klettersteig erreichen.
Der Weg führte uns nach ca. 45 Minuten steil hinauf, zunächst über alpine Wiesen und Geröll, dann immer direkter an die eindrucksvolle Wand heran. Der Klettersteig startet am Passo Vajolon. Hüftgurte anlegen, Kontrolle und ein paar Techniken zum sicheren Gehen kostete uns ein paar Minuten Zeit. Der Klettersteig forderte Konzentration und behutsame Schritte, belohnte aber mit jedem Höhenmeter mit weiteren Ausblicken in die zerklüftete Welt des Rosengartens. Die Sonne stand schon hoch, der Fels wurde warm, und die Luft war erfüllt von dem typischen Duft nach Kalk und Bergkräutern.
Gegen zwölf Uhr standen wir endlich am Gipfel. Die Gruppe war überglücklich – strahlende Gesichter, erleichterte und zugleich begeisterte Blicke. Unter uns fiel die steile Südwestwand schroff ab, gegenüber öffnete sich die Weite der Dolomiten, und die Sonne umhüllte alles in einem klaren, fast greifbaren Licht. Es war einer jener Momente, in denen man einfach nur da steht, atmet und spürt, dass dieser Berg den Auftakt zu etwas Besonderem gesetzt hat.
Ein gelungener erster Tag, geprägt von Sonne, Fels und der stillen Freude, gemeinsam oben angekommen zu sein.
Montag, 13. Juli 2026 – Santnerpass-Klettersteig
Heute stand der Klassiker im Rosengarten an: der Klettersteig hoch zum Santner Pass. Von der Kölner Hütte aus ging es zunächst über ein paar felsige Stufen steil hinauf, bevor wir bei einer Beschilderung links abzweigen mussten. Der Steig ist ein echter Dolomiten-Klassiker – stellenweise ungesichert, mit leichten Kletterpassagen und tollen Ausblicken über die Westabstürze der Rosengartenspitze.
Oben am Pass kamen wir an der relativ neuen Santnerpass Hütte vorbei. Der moderne Neubau wirkt fast futuristisch in dieser wilden Landschaft, liegt aber spektakulär direkt am Pass.
Vom Pass stiegen wir weiter ab zur Gartlhütte (Rifugio Re Alberto). Hier machten wir eine gemütliche Einkehr, es war ca. 12 Uhr: Wir genossen Kuchen, Suppe, Kaffee und Schorle und ließen die beeindruckende Kulisse der Vajolet-Türme auf uns wirken.
Gegen 13 Uhr ging es dann weiter. Vorbei an der Vajolet Hütte und dann Richtung Süden, bis wir kurz vor der beeindruckenden Cima Coronelle standen. Von dort über den gleichnamigen Pass (Passo delle Coronelle) hinauf wieder abwärts zurück zur Kölner Hütte.
Eine schöne, abwechslungsreiche Runde mit Klettersteig-Feeling, Hütteneinkehr und klassischem Rosengarten-Panorama.
Dienstag, 14. Juli 2026 – Langkofel-Klettersteig & Übersetzen zu Regensburger Hütte
Frühstück wie immer um halb acht. Draußen lag schon die klare Morgenluft der Dolomiten, und die Vorfreude auf den Tag war spürbar. Ziel war die Regensburger Hütte – doch der Weg dorthin sollte zunächst über einen der eindrucksvollsten Klettersteige der Gegend führen.
Mit der Laurin-Bahn ging es zurück zu den Autos, dann im Konvoi durchs Fassatal hinauf zum Sellajoch. Die Passstraße hinauf war an diesem Vormittag voller Rennradfahrer. Manche Gruppen zogen in langen Reihen bergauf, und an den engen Kehren wurde es zeitweise richtig eng und nicht ungefährlich. Trotzdem blieb die Stimmung in den Autos gelöst – am Sellajoch angekommen ließ der Blick auf die herannahenden Langkofel-Türme alles andere in den Hintergrund treten.
Am Sellajochhaus parkten wir und starteten direkt in den neuen Langkofel-Klettersteig. Ein knackiger C-Steig, kein Spaziergang. Steile Passagen, ausgesetzte Querungen und immer wieder der Blick tief hinab in die Scharte. Der Fels war griffig, die Luft dünn und klar, und die Gruppe meisterte die Herausforderungen mit Ruhe und guter Technik. Wir spürten, wie jeder Einzelne wuchs und die gemeinsame Anstrengung verbinden. Insbesondere Peter, erstmalig an einem solch schwierigen Steig, wehrte sich erfolgreich gegen die angsteinflößenden Tiefblicke.
Oben in der Langkofelscharte war die kurze Einkehr in der Toni-Demetz-Hütte willkommen. Ein warmer Tee, ein Stück Kuchen und der Blick hinaus auf die zerklüfteten Türme ringsum – ein Moment zum Durchatmen. Den Rückweg nahmen wir zu Fuß. Die Bahn runter erschien uns einfach zu teuer, und so genossen wir den Abstieg noch einmal in aller Ruhe, Schritt für Schritt, mit dem Wissen, etwas Geschafft zu haben. Weiter ging es mit den Autos nach St. Christina und mit der Col-Raiser-Bahn hinauf. Von der Bergstation waren es nur noch gut zwanzig Minuten bis hinunter zur Regensburger Hütte. Der Weg führte durch lichte Lärchenwälder und offene Almwiesen, bis endlich das vertraute Dach der Hütte auftauchte. Und wieder ein herzlicher Empfang – Lächeln, Händeschütteln und das gute Gefühl, nach einem intensiven Tag angekommen zu sein.
Mittwoch, 15. Juli 2026 – Sas Rigais
Highlight der Tour. Heute stand der Sas Rigais auf dem Programm – einer der zugänglichsten 3000-er der Dolomiten und höchster Gipfel der Geislergruppe. Der Name stammt aus dem Ladinischen; die Geisler selbst gelten als Bergheimat von Luis Trenker.
Aufstieg über den Südwestanstieg. Eine richtig fordernde Tour: ungesicherte Kletterstellen bis in den zweiten Grad, immer wieder ausgesetzte Passagen, bei denen man die Beine unter sich spürt. Die Landschaft wird immer wilder und steiler und die Luft immer dünner je höher wir kamen. Gleichwohl ließ sich Isa, die Frau mit den zwei Lungen unaufhaltsam und konditionell beeindruckend stark, davon nur wenig beeindrucken und erzählte Jürgen von Ihren Erlebnissen vergangener Jahre, ohne dabei die Konzentration auf den aktuellen Steig zu verlieren.
Oben angekommen: ein Moment, den man so schnell nicht vergisst. Der Blick reicht über praktisch alle großen 3000-er der Dolomiten – ein unglaubliches Panorama. Jürgen überaus glücklich diesen Berg, den er sich lange vorgenommen hatte, bestiegen zu haben. Leider nur kurzer Aufenthalt am Gipfelkreuz, denn ab 14 Uhr war Regen angesagt, und die dunklen Wolken zogen bereits auf. Deshalb zügig, aber mit voller Konzentration denselben Weg hinunter. Wir erreichten die Hütte rechtzeitig vor dem ersten Tropfen. Erleichterung und Zufriedenheit zugleich. Ein voll gelungener Tag.
Donnerstag, 16. Juli 2026 – Kleine CIR-Spitze
Morgens zu Fuß den kurzen Weg hinunter zum Parkplatz, dann die enge Serpentinenstraße mit den Autos hinauf zum Grödner Joch. Schon während der Fahrt öffnet sich die Landschaft: zur rechten die Sella, ein plateauförmiger Bergstock in den Dolomiten. Sie befindet sich zu Teilen in Südtirol und teils im Trentino. Höchster Gipfel der Gruppe ist der Piz Boe mit 3152 Hm. Zur linken steile Wiesen, dunkle Felswände und darüber ein wolkenloser, strahlend blauer Himmel. Ziel des Tages war die kleine CIR-Spitze – ein unscheinbarer, aber feiner Gipfel direkt über dem Grödner Joch.
Der Klettersteig wurde erst vor kurzem komplett neu angelegt. Er wirkt frisch und einladend. Die Eisen sind fest, die Absicherungen gut gesetzt, und der Fels bietet griffiges Kalkgestein. Trotz der Höhe blieb die Tour angenehm und gut machbar – ein Berg, der seine Schönheit nicht hinter technischen Schwierigkeiten versteckt. Gerlinde, seit Jahrzehnten in den Dolomiten unterwegs, ob Winter oder Sommer, erklärte der Gruppe die umliegenden Berge und insbesondere die Skipisten und Hänge der Sella-Ronda. Die Sonne brennt schon am Vormittag, der Fels war warm unter den Händen, und die Stimmung in der Gruppe ist von Anfang an leicht und heiter.
Am Gipfel ist der Platz eng, doch der Ausblick entschädigt für alles. Direkt gegenüber thronen der Langkofel und die Sella in klarer Luft, die Felswände wirken zum Greifen nah. Weiter im Norden zeichnete sich unser Sas Rigais ab, vertraut und markant – unser alter Begleiter aus den vergangenen Tagen. Für einen Moment blieben wir sitzen, ließen unsere Blicke schweifen und genossen die Weite.
Der Abstieg führte uns über einen ebenfalls neu eingerichteten Klettersteig, der sanft und flüssig nach unten leitet. Zurück bei den Autos ging es dann hinunter nach Corvara. Dort wartete die Eisdiele, ich korrigiere, die Lieblingseisdiele von Markus, ausgenommen Heppenheim. Nach den Stunden in der Sonne schmeckte das Eis besonders intensiv, die kühle Süße war der perfekte Kontrast zur trockenen Höhenluft. Am Nachmittag fuhren wir weiter zu unserer letzten Unterkunft, zum Hotel Planac. Der Tag klang aus in einer Pizzeria in Corvara: müde Beine, zufriedene Gesichter und der angenehme Nachhall eines gelungenen Bergtages.
Freitag, 17. Juli 2026 – Gardenacia Hütte
Der letzte Tag. Alle fröhlich, alle gesund – und doch lag schon ein leiser Hauch von Wehmut in der Morgenluft. Die schöne gemeinsame Zeit neigte sich dem Ende zu.
Wir fuhren nach La Villa und parkten am Friedhof. Von dort ging es die knapp 300 Höhenmeter hinauf zum Einstieg des Klettersteigs, der uns weitere 200 Hm zur Gardenacia Hütte führte. Der Weg war kurz, aber prägnant: steil, griffig und mit immer weiteren Blicken hinaus über das Gadertal und die umliegenden Dolomitenkämme. Katharina, unsere Jüngste, in ihrem ersten richtigen Klettersteigurlaub … immer sicherer in der Anwendung von Klettersteig-Techniken, eine gute Basis für die vielen für sie noch folgenden Jahre. An einer Pausenstelle ein sehr beeindruckender Blick auf die Marmolada. Die Gardenacia Hütte selbst liegt wunderschön auf einem offenen Plateau, umgeben von den weichen Formen der Puez-Gruppe und dem weiten Blick ins Tal. Ein Ort, der zum Verweilen einlädt – und genau das taten wir.
Hier, auf der sonnigen Terrasse, fand unsere abschließende Einkehr statt. Tee, Kaffee, ein Stück Kuchen und vor allem der gemeinsame Rückblick auf die vergangenen Tage. Die Rotwand im Rosengarten, der Santnerpass, der Langkofel-Klettersteig, der Sas Rigais, die kleine CIR-Spitze, die klaren Gipfelblicke, die langen Abende, das Lachen und die Anstrengung – alles zog noch einmal vorbei. In den Gesichtern lag tiefe Zufriedenheit. Man spürte, dass diese Tour mehr gewesen war als nur eine Aneinanderreihung von Bergen. Und das Wetter spielte durchgehend mit.
Der Abstieg führte über einen steilen Wanderweg hinunter. Dann die Fahrt zurück zum Hotel Planac. Dort kam der Moment, der dem Tag seine traurige Note gab: Roger verabschiedete sich von der Gruppe. Er musste an diesem Tag noch nach Meran. Die Umarmungen waren herzlich, die Worte kurz, und trotzdem spürte man die Verbundenheit dieser Tage. Als sein Auto davonfuhr, blieb für einen Augenblick eine kleine Leere zurück. Die übrigen Gruppenmitglieder gingen am Abend noch einmal in „unsere“ Pizzeria in Corvara. Das vertraute Lokal, das gemeinsame Essen – ein stiller, warmer Abschluss. Draußen wurde es langsam dunkel über den Dolomiten, und irgendwo zwischen Zufriedenheit und Wehmut lag das gute Gefühl, etwas Gemeinsames erlebt und zu Ende gebracht zu haben.
Eine tolle Gruppe. Dank an Isa, Gerlinde, Katharina, Roger, Peter, Jürgen und Markus.
Gernot